Straßenblues – verändert Dich.“ So lautet der Slogan der Website des gemeinnützigen Vereins Straßenblues, der sich für Menschen ohne festen Wohnsitz in Hamburg engagiert.  

Vor Beginn meines sozialen Engagements war ich mir unsicher, was mit dieser Veränderung gemeint war. Ich ging davon aus, dass ich mit meinem Engagement das Leben anderer Menschen verändere, nicht jedoch zwingend meines. Dass sich das Ehrenamt auch grundlegend auf mein Leben ausgewirkt hat, haben mir die letzten 6 Monate eindrücklich gezeigt.  

Offene Arme | Straßenblues Teamtreffen. Schon das erste Teamtreffen war eine tolle Erfahrung. Gemeinsam mit 16 engagierten Straßenblues-Mitarbeitern haben wir ein Konzept für ein gemeinsames Weihnachtsfest auf die Beine gestellt, welches vor allem ein Ziel hatte: Wärme in die Kalte Jahreszeit bringen – in die Herzen und in die Mägen der Menschen, die am Rande der Gesellschaft oftmals vergessen werden.  

Offene Ohren | Obdachlosentagesstätten. Vor meinem ersten Besuch in der Tagesstätte war ich nervös – noch nie hatte ich Kontakt zu Menschen ohne festen Wohnsitz, leider war mein Bild von vielen Vorurteilen geprägt. Beim Betreten des Saals habe ich viele Blicke auf mir gespürt, versuchte mir meine Unsicherheit jedoch nicht anmerken zu lassen. Ein älterer Herr mit zerschlissenen Klamotten und einem Schlafsack auf dem Schoss bat mich, sich zu ihm zu setzen. Ob ich eine Suppe möchte, hat er mich gefragt. Nachdem wir uns eine Weile über das leckere Essen unterhielten, erzählte er mir seine Lebensgeschichte. Sehr ergreifend beschrieb er, wie er mit Mitte 40 seine Frau und Kinder bei einem Unfall verlor, und mit ihnen ging auch seine Lebensfreude. So kam eins zum anderen: nachdem er seinen Job verlor, konnte er die Wohnung nicht mehr zahlen, und war gezwungen, im Herbst letzten Jahres mit seinem wenigen Hab und Gut auf die Straße zu ziehen. „Brückenkind“ nennt er sich – Weihnachtswünsche habe er keine. Beim Blick auf seine kaputten Schuhe fragte ich ihn, ob ein Paar warme Winterschuhe nicht etwas sein könnten, was ihm in den Wintermonaten helfen könne. Darauf erwiderte er, dass er diese sehr gut gebrauchen könne, er sich jedoch nicht erinnern könne, wann ihm das letzte Mal jemand etwas geschenkt habe. Als ich ihm vom Straßenweihnachtsfest erzählte, strahlten seine Augen, und er blickte mich ungläubig an, als ich ihm sagte, dass er herzlich eingeladen ist 

Offene Augen | Weihnachtswichtel. Auf der Suche nach Weihnachtswichteln, die den Wohnungslosen ihre Wünsche erfüllen, haben wir in den sozialen Medien viele Hamburger ausfindig machen können, die ihre Zeit in der Vorweihnachtszeit gerne mit diesen Menschen verbracht haben, und ihnen eine kleine Aufmerksamkeit (Winterschuhe, Gasherd, Handschuhe, Isomatten, etc.) geschenkt haben.  

Offene Herzen | Straßenblues WeihnachtsfestZum Weihnachtsfest kamen rund 40 Wohnungslose und ihre jeweiligen Weihnachtswichtel. Die Stimmung beim Weihnachtsfest sehr besonders, es gab viele Umarmungen, strahlende Gesichter und Dankbarkeit für die gemeinsame Zeit. Alle haben die gemeinsame Zeit genossen, und bei einer warmen Suppe und Kuchen waren die kalten Nächte und die schweren Schicksale für ein paar Stunden vergessen. Der nette Herr, den ich zu Beginn der Challenge in der Obdachlosentagesstätte kennenlernen durfte, hat an diesem Tag sein Wichtel kennengelernt, der ihm den Wunsch eines neuen paar Winterschuhen erfüllt. Um seinen Dank auszudrücken, hat der Herr ein kleines Gedicht geschrieben, welches er seinem Wichtel vorgetragen hat. Die zwei haben sich so auf Augenhöhe getroffen, und es entstand nicht das Gefühl, dass einer dem anderen etwas schuldig geblieben ist.  

 

Veränderung. Die Sustainability Challenge hat mein Leben nachhaltig verändert – sie hat mir gezeigt, dass es nicht viel bedarf, um Menschen ein Lächeln in´s Gesicht zu zaubern: offene Arme, offene Ohren, offene Augen und ein offenes Herz, dazu eine Portion Mut, neue Wege zu gehen.  

 


Joana Große-Heidermann, Digistainable 2018

HINTERGRUND

Das Modul „Sustainability Challenge“ im vierten Semester unseres Studiengangs lässt uns, die Studierenden, selbst aktiv werden und soll uns motivieren, ein selbstgewähltes Thema zu behandeln. Wir definieren eigene Projektaufgaben, die durch die Mitwirkung in einer sozialen Initiative oder Nachhaltigkeitsorganisation bearbeitet werden sollen. Teil des Projekts ist die Reflexion des Erlebten, der gemeinsame Austausch sowie die Inspiration der interessierten Öffentlichkeit. Dabei lernen wir die Herausforderungen unserer Zeit selbst zu erkennen und anzunehmen. Der Ausbruch aus der eigenen Komfortzone ist ausdrücklich erwünscht.

WAS IST STRASSENBLUES?

Straßenblues e.V. ist ein gemeinnütziger Verein, der sich zum Ziel setzt zwischen Menschen mit Zuhause und Obdachlosen Brücken zu bauen. Der Verein wurde 2012 gegründet und zählt mittlerweile über 30 freiwillige StraßenHELDEN. So schafft er Mitgefühl für Obdachlose – und inspiriert zum Handeln. Erfahre mehr und unterstütze selbst: http://strassenblues.de/