Anfang September stehe ich nun endlich vor den Menschen, die ich seit April jede Woche digital getroffen und kennengelernt habe. Strahlende Gesichter, lautes Geschnatter und Verständigung auf Deutsch mit Händen und Füßen. 
Das sind wir gewohnt, denn wir sind eine Gruppe, von Sprachbrücke-Hamburg e.V.  Wir als Gruppen haben uns digital gefunden, um Stück für Stück Deutsch zu lernen mit vor allem dem Ziel die Alltagssprache zu verbessern.

Nach guten 5 Monaten Kennenlernen konnten wir es nun nicht mehr aushalten und haben unser wöchentlich digitales Mittwochsabend stattfindendes Treffen zu den Landungsbrücken verlegt. 
An diesem Nachmittag und Abend spazieren wir durch den Elbtunnel. Dabei unterhalten wir uns über Hamburg, Ebbe und Flut, die Tiefe des Elbtunnels und bestaunen den Blick auf die Hamburger Skyline. Aber wie sind wir zu diesem Punkt gekommen. 

Ich spul mal kurz zurück.
Ich bin Johanna, 27 Jahre alt und Duale Studentin des Studiengangs Digital Transformation & Sustainability an der HSBA. In unserem Modul Sustainability Challenge habe ich mich dafür entschieden als Gesprächsleiterin bei Sprachbrücke-Hamburg e.V. mich zu engagieren. 
Ein Engagement, dass die Kommunikation in den Vordergrund stellt, konnte ich mir für die Challenge gut vorstellen. Noch dazu der Kontakt zu Menschen aus unterschiedlichen Kulturen machte mich einerseits nervös andererseits aber auch neugierig. 
Voller guter Vorsätze kontaktiere ich in den ersten Januarwochen das Team-Büro von Sprachbrücke-Hamburg e.V. und wurde herzlichst begrüßt. 

Es folgte eine Vorbereitungsphase-  noch vor Corona – ein Infoabend mit vielen Tipps, wie man am besten Gesprächsrunden leitet, ein Beratungsgespräch mit der Projektverantwortlichen, um meine persönlichen Fragen zu klären und einige Organisationstelefonate zur Abstimmung der ersten Hospitationen bei anderen Gesprächsrunden. 
Mir fiel hierbei vor allem auf, dass mein junges Alter ungewöhnlich für die Projektleiterinnen war.
Das wunderte mich einerseits – engagieren sich Mitte-zwanzig-Jährige nicht mehr in der Gesellschaft? – andererseits motivierte es mich auch, weil ich gerne zeige, dass unsere Generation verantwortungsbewusst und empathisch Gesprächsrunden leiten kann. 
Mit der Corona Krise, die die Organisation überraschte, wurde der anfängliche Plan über Bord geworfen Face 2 Face Gruppen zu leiten Der Schock wurde schnell überwunden und die pragmatische Art der Organisation zeigte sich nun von Vorteil. Agilität durch flexible Strukturen und ein starkes Netzwerk. Das kam mir aus dem Studium bekannt vor und zeigte sich genau jetzt. 
Das Team Büro fing nach nur zwei Wochen CoronaLockdown wieder an Gesprächsleiter für diesmal digitale Gesprächsrunden zu suchen.
Gut, dass wir auch Digitale Transformation studieren. Ich meldete mich als eine der Ersten, digitale Gesprächsrunden zu leiten.  Nach einer Tool-Einführung und einem Austausch mit anderen Online-Gesprächsleitern wurde ein fester Link erstellt mit dem es nun jeden Mittwoch um 18:00 Uhr heißt, einloggen und schnacken. 
Die Startphase war abwechslungsreich –  viele unterschiedliche Teilnehmer, viele Erfahrungswerte und viele Faktoren die die Moderation einer solchen Runde beeinflussen. Noch dazu sprang mein Gesprächsleiter Partner ab und ich bekam zum Glück eine herzliche tolle neuen Partnerin an die Hand. 
Inzwischen hat sich eine feste Gruppe von drei Frauen und einem Mann etabliert. Eine Iranerin, eine Argentinierin, eine Lettin und ein Chinese sind inzwischen zu guten Bekannten geworden, über die man den Job, die Familiensituation und natürlich die Corona-Situation kennt. Inhatlich arbeiten wir pro Woche mit einem Fokus Thema, zu dem wir uns austauschen. Das hilft das Gespräch tiefer zu gestalten und das Wort immer Mal an unterschiedliche Personen geben zu können. So kenn ich nun von unseren 4 Teilnehmern das Lieblingsessen, die Art wie man in ihren Ländern heiratet oder auch übersetzte Sprichwörter. Kleine Anekdoten, wie das die Iranerin es an ihrem ersten Nikolaus in Deutschland eine Frechheit fand, dass ihre Nachbarin ihr ein Geschenk vor die Tür gelegt hatte und dies noch nicht mal persönlich übergeben hat, sind die vielen Beispiele die unsere Gespräche so lebhaft und lustig machen.  

Aber was habe ich nun alles gelernt und was nehme ich mit?
Erstens, sprachlich: Verwandtschafts-Grade auf Deutsch zu lernen ist eine riesen Hürde (sind Tanten immer die Ehefrauen der Onkels?), nur noch schlimmer ist es deutsche Verben konjugieren lernen zu müssen. 
Zweitens, persönlich: Kontinuität beim Ehrenamt ist das allerwichtigste. Teilnehmer möchten mit Dir und nicht irgendjemandem sprechen. Vertrauen und Authentizität erleichtern es für die Gruppe eine angenehme leichtfallende Gesprächsatmosphäre zu generieren
Drittens, kulturell: Von Traditionen, Blickwinkeln und kultureller Vielfalt zu erfahren zeigt mir immer wieder wie Vielfältig unsere Welt ist und wie tolle unterschiedliche Ebenen es gibt. Und noch dazu, ist es für mich das beste Pflaster gegen das akute Fernweh, welches auf jeden Fall zu Zeiten von Corona wächst.
Viertens, gesellschaftlich: Ein Verein der auf Ehrenamt basiert ist richtig gefordert und hinter wirklich allem steckt viel mehr Aufwand als man glaubt. Hierfür ein riesen Dank an das Team Büro. Und wie schön ist es, dass es weiterhin das Bedürfnis von Menschen gibt, sich auch persönlich zu sehen und miteinander zu sprechen. Das persönliche Treffen hat uns in der Gruppe noch viel enger zusammengebracht.  

Für mich als Fazit: Eine Stunde die Woche bringt so viel Abwechslung und Freude in mein Leben. Das ist eine sehr gut investierte Stunde für mich und auch für die Teilnehmer der Sprachbrücke eine Bereicherung auf sozialer und sprachlicher EbeneEs ist so inspirierend ein Teil davon zu sein.  

 


Johanna Kröger, Digistainable 2018

HINTERGRUND

Das Modul „Sustainability Challenge“ im vierten Semester unseres Studiengangs lässt uns, die Studierenden, selbst aktiv werden und soll uns motivieren, ein selbstgewähltes Thema zu behandeln. Wir definieren eigene Projektaufgaben, die durch die Mitwirkung in einer sozialen Initiative oder Nachhaltigkeitsorganisation bearbeitet werden sollen. Teil des Projekts ist die Reflexion des Erlebten, der gemeinsame Austausch sowie die Inspiration der interessierten Öffentlichkeit. Dabei lernen wir die Herausforderungen unserer Zeit selbst zu erkennen und anzunehmen. Der Ausbruch aus der eigenen Komfortzone ist ausdrücklich erwünscht.

WAS IST DIE SPRACHBRÜCKE-HAMBURG?

Die Sprachbrücke-Hamburg e.V. bietet kostenlosen Gesprächsrunden auf Deutsch für Zugewanderte. Die Gesprächsrunden fördern den alltagsnahen Sprachgebrauch, erweitern den Wortschatz, geben Orientierungshilfe und Einblicke in die deutsche Kultur. Dabei verbindet sie Theorie und Praxis: Statt Vokabeltest und Grammatikprüfung zählt hierbei die Unterhaltung – das Zuhören, Erleben und Gebrauchen von Sprache. Es werden immer viele Gesprächsleiter gesucht, also melde dich und werde Teil von Sprachbrücke-Hamburg e.V.!

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