Meine Sustainability Challenge: Lernkreis für Schüler*innen

Um kurz vor 18 Uhr ist es an der Zeit. Ich gehe das erste Mal zum „Lernkreis für Schüler*innen“ der Organisation „Hamburger mit Herz“. Nicht als Schüler, sondern als Lehrender. Gespannt wie die erste Schnupperstunde ablaufen wird, betrete ich das Gebäude mitten in der Altona Altstadt. Den Anstoß für das soziale Engagement hatte das Modul „Sustainability Challenge“ als Teil meines Masterstudiums gegeben. In diesem soll jede*r Student*in „sich individuelle für die Umsetzung der SDGs einsetzen.“ Ich entschied mich meinen Teil zu den SDGs 4 (Quality Education) und 10 (Reduced Inequality) beizutragen, da ich der Meinung bin, dass der Zugang zu guter Bildung und individueller Hilfe selbstverständlich und unabhängig von finanziellen Mitteln zugänglich sein sollte.

Es geht direkt los. Mein Ansprechpartner begrüßt mich freudig und einige Schüler*innen sind auch schon da. Das Alter schätze ich von 15 bis auf Mitte zwanzig. Die kulturellen Hintergründe sind vielfältig und ich höre die Schüler*innen teils besseres teils schlechteres Deutsch mit verschiedenen Akzenten sprechen. Die Stunde startet für mich mit einem circa 20-jährigen jungen Mann aus Eritrea, welcher mich freundlich nach Hilfe bei Mathematik fragt. Die Aufgaben befassen sich mir Radien, Flächen, Intervallen und Frequenzen von Drehschreiben und Sägeblättern. Ein kurzes Einlesen in das Thema reicht mir, um helfen zu können. Der Mann hatte bereits in seiner Heimat jahrelang als Schreiner gearbeitet. Damit er hier arbeiten kann, braucht er aber eine Ausbildung, die er vor 2 Jahren und fast zeitgleich mit der Einwanderung in Deutschland begonnen hat. Schnell zeigt sich mir, dass die größte Hürde bei den Aufgaben die Sprache und nicht die Mathematik ist. Sind einmal alle Begriffe verstanden, kann er die Aufgaben schnell selbst lösen. Er erzählt mir, dass die Lehrer*innen kaum eine Möglichkeit haben, den sprachlichen Barrieren der verschiedenen Nationalitäten und Sprachkompetenzen aller Schüler*innen gerecht zu werden. Er fühlt sich schnell abgehangen und muss fast alles nacharbeiten.

In darauffolgenden Stunden setze ich mich meistens zu Schüler*innen, die Hilfe bei Mathematik benötigen. Das kann ich selbst am besten, wodurch mir auch das Erklären am einfachsten fällt. Die meisten haben einen Migrationshintergrund und lernen gerade noch Deutsch, was zugleich in den meisten Fällen auch die größte Hürde darstellt. Dabei reicht oft eine Umschreibung der verwendeten (Fach-) Begriffe oder die Verwendung von Synonymen.

Die Beobachtung, dass Sprache eine elementare Zutrittsvoraussetzung zur Bildung in Deutschland ist und zugleich stark ausschließt, mache ich in den Lernstunden häufig bei unterschiedlichen Schüler*innen. Diese Erfahrung hat bei mir für ein neues Bewusstsein für Chancen(un)gerechtigkeit gesorgt.

Auch wenn ich nicht – ohne selbst zu googeln – perfekt erklären kann, wann und wie genau die Zeitform „Futur 2“ in der deutschen Sprache gebildet wird und die Aussage „Mache ich nach Gefühl“ den Schüler*innen nicht wirklich weiterhilft, kann ich beim Lernforum Altona einen kleinen Beitrag zu den SDGs 4 (Quality Education) und 10 (Reduced Inequality) leisten.

Steffen Meuwesen

Meine Sustainability Challenge: Lernkreis für Schüler*innen