Worum geht’s? Das „Hotel for Homeless”

Anfang des Jahres habe ich das wunderbare Projekt „Hotels for Homeless“ des StrassenBLUES e.V. unterstützen dürfen. Darin wurden über die Wintermonate 70 obdachlosen Menschen ein Zimmer im Hostel bedpark in Altona und in der Jugendherberge auf dem Stintfang bereitgestellt, um sie vor der Kälte und den Gefahren des Coronavirus zu bewahren.

Die Unterkunft wurde den obdachlosen Menschen ohne Bedingungen gewährt. Lediglich gewisse Regeln, wie z.B. das Tragen der bereitgestellten Masken im Innenraum, mussten eingehalten werden. Mit eigenem Zimmer, Essen, Hygieneartikeln und Wäschegeld konnten sie so für vier Wochen in der Jugendherberge und sechs Monate im Hostel bedpark ihre Privatsphäre zurückgewinnen und in der kalten Jahreszeit zur Ruhe kommen. Darüber hinaus konnten sie zu jeder Zeit die Unterstützung von Sozialarbeiter:innen in Anspruch nehmen und wurden beispielweise in ihren Bemühungen, einen Job oder eine Unterkunft zu finden, tatkräftig unterstützt. Fehlte etwas, wie z.B. Kleidungsstücke, wurde das Netzwerk der Unterstützer:innen aktiviert und wo möglich entsprechende Mittel zur Verfügung gestellt.

Initiiert wurde das Projekt vom StrassenBLUES e.V. und dessen Gründer Nikolas Migut. Die Unterbringung in der Jugendherberge auf dem Stintfang wurde gemeinsam mit Hanseatic Help e.V. realisiert.  Das Projekt „bedpark Altona“ wurde ermöglicht durch die Gemeinschaftsaktion von Hamburger Gabenzaun e.V., Hanseatic Help e.V., JesusCenter e.V., Pfand gehört daneben und StrassenBLUES e.V..

Wie kam ich dort hin? Mein Weg zu StrassenBLUES

Bevor ich über die Erfahrungen dort berichte, noch einmal auf Anfang: Wie bin ich dort hingekommen? Und wieso das Thema Obdachlosigkeit?

In der Großstadt werden wir häufig damit konfrontiert: Vor dem Supermarkt, in der Bahn, auf großen Plätzen oder unter Brücken – hier kann man diese Problematik nur schwer ignorieren. Ich gehöre zu der Gruppe Menschen, denen die Schicksale und Probleme dieser Menschen sehr nahe gehen, die aus Unsicherheit, Scham oder Ratlosigkeit bis auf kleine Geldspenden aber nicht wirklich etwas tun und Gesprächen aus dem Weg gehen. Im Rahmen der Aktivitätsspende Sustainability Challenge des DTS-Studiengangs wollte ich dies ändern und endlich aktiv werden. Über einen Bekannten und die Onlinepräsenz von StrassenBLUES bin ich auf den Verein aufmerksam geworden.

Was habe ich erlebt? Meine gewonnenen Erfahrungen

Hotels for Homeless war zu dieser Zeit das zentrale Projekt des Vereins. An einem Samstagabend habe ich meine erste Schicht in der Jugendherberge auf dem Stintfang mit einer Ehrenamtlichen von Hanseatic Help, einer Mitarbeiterin der Jugendherberge und zwei Security Mitarbeiter:innen dort angetreten.

Die Haupttätigkeit der fünf-Stunden Schicht war, für die Bewohner da zu sein, ein offenes Ohr zu haben und Fragen zu beantworten. Letzteres ging teilweise mit Recherchearbeiten einher (bekommt man am Samstagabend einen vorläufigen Personalausweis für das Bewerbungsgespräch am Montagnachmittag?). Zudem gab es organisatorische Tätigkeiten, z.B. sicherzustellen, dass immer Snacks bereitstehen oder auf Nachfrage im Lager fehlende Kleidung raussuchen. Dazu muss ich aber sagen, dass mir als Neuling die schwierigeren Aufgaben, wie etwa die Suche nach Unterkünften, abgenommen wurden.

Die Bewohner waren sehr ruhig und gingen den gesamten Abend ein und aus. Ich hatte weniger Kontakt zu ihnen, als ich erwartet habe. Gleichzeitig erhielt ich aber einen sehr persönlichen Einblick in ihr Leben. Von den Ehrenamtlichen oder von ihnen selbst, erfuhr ich ihre Geschichten, die teilweise extrem und allesamt bewegend sind.

So gab es eine Familie mit zwei kleinen Kindern, die aufgrund der Wirtschaftskrise in Italien durch Corona obdachlos wurden und nun dem Bürokratie-Dschungel in Deutschland gegenüberstehen – ohne Arbeitserlaubnis. Ich erfuhr über die Herausforderungen, mit denen Frauen in der Obdachlosigkeit konfrontiert werden. Ich lernte, was die Platten sind, Gruppierungen von Obdachlosen in den unterschiedlichen Stadtgebieten. Ich bekam mit, wie der Teufelskreis Wohnungslosigkeit und Joblosigkeit, wobei das eine das andere bedingt, den Ausweg aus der Obdachlosigkeit erschwerte. Genau wie das Sprachproblem: Viele der obdachlosen Menschen sprechen weder Deutsch noch Englisch.

Und dann gibt es noch die Süchte und Abhängigkeiten. Der Alkohol- oder Drogenkonsum können Sorgen und die Kälte zumindest kurzzeitig überblenden. Dies ist auch eine Ursache, warum manche nicht in die wenigen Obdachlosenunterkünfte untergebracht werden wollen. Hier dürfen sie nicht konsumieren. Andere möchten nicht dorthin, weil sie Angst vor Mitbewohnern haben, oder ihren Gefährten wie z.B. einen Hund nicht mitnehmen dürfen.

Ich habe verstanden, dass vielen obdachlosen Menschen um das nackte Überleben heute kämpfen. Für Gedanken an ein Morgen ist in so einer Situation keinen Platz.

Hotels for Homeless hat einigen geholfen, wieder weiter in die Zukunft blicken zu können. Ein tolles Erlebnis war, als in meiner zweiten Schicht ein Mitbewohner, der während seiner Zeit in der Jugendherberge einen Job gefunden hatte, von seinem Wandel erzählte. Als er eingezogen ist, war er fertig mit der Welt. Nun hat er einen Job, ein Bett für die Zeit nach dem Hotels for Homeless und eine Zukunft.

Fazit: Es gibt noch viel Arbeit!

Das Projekt Hotels for Homeless wurde mit den wärmeren Temperaturen und den anhaltenden Kosten schließlich beendet. Mein Fazit: Eine wirklich tolle Sache, die ein paar Menschen temporär, in einigen Fällen hoffentlich auch langfristig geholfen hat, wieder auf die Beine zu kommen. Dennoch bleibt es ein Tropfen auf den heißen Stein. Knapp 2.000 obdachlose Menschen1 leben in Hamburg. Wir müssen mehr tun, um diesen Menschen eine Perspektive zu geben. Und der nächste Winter kommt.

 

Anna Zeller, Digistainable 2019

Photo by Halszka Nazarczuk

 

Quellen:

Webseite zum Projekt: www.hotelsforhomeless.de

1Hinz&Kunzt; abgerufen 18.06.2021; http://wohnungslose.de/data/aktuell/HINZKUNZT_ZahlenObdachlosigkeit.pdf

HINTERGRUND

Die Sustainability Challenge ist ein fester Bestandteil unseres Studiums. Das Modul liegt zwischen dem dritten und vierten Semester und lässt uns vom Reden ins Handeln kommen. Die Idee dahinter ist, dass jede/r Studierende sich eine soziale Initiative oder Nachhaltigkeitsorganisation aussucht und diese kurz- oder langfristig unterstützt. Über sich hinauszuwachsen, ist dabei vorprogrammiert – und ausdrücklich erwünscht. Teil der Sustainability Challenge ist außerdem die anschließende Reflexion der gesammelten Erfahrungen sowie der gemeinsame Austausch. Denn unser Ziel ist es, unsere Erlebnisse mit allen Interessierten zu teilen und vielfältige Möglichkeiten eines nachhaltigen Engagements aufzuzeigen.