Waschen ist Würde – ein Duschbus für Hamburg

Im Rahmen der Sustainability Challenge bewarb ich mich Ende 2019 als ehrenamtlicher Helfer bei GoBanyo. Dass ich für eine solche Tätigkeit erst ins vierte Mastersemester einer privaten Hochschule kommen musste, empfand ich während des Bewerbungsprozesses als etwas beschämend – aber besser so, als gar nicht. Meine Anfrage wurde sehr nett beantwortet und prompt wurde ich in die Helferdatei aufgenommen. Besonders unter der Woche seien Unterstützer dringend nachgefragt, hieß es.

Als mein erster Einsatz immer näher rückte, wurden auch meine Gedanken lauter. Was werden die Aufgaben sein? Wie gehe ich mit betrunkenen oder unter Drogeneinfluss stehenden Menschen um? Was ziehe ich an? Richtigen Kontakt mit obdachlosen Menschen hatte ich bisher keinen. Klar, man wurde hier und da mal um etwas Kleingeld gebeten, hat auf dem Arbeitsweg jemanden im Schlafsack erahnen können oder liest mitleidig in den Nachrichten, dass im letzten Winter drei Obdachlose erfroren sind, bevor man sich wieder seinem Marmeladenbrot zuwendet. Den Menschen dahinter sieht man im Alltag jedoch nur selten.

 

Montag, 13. Januar 2020

Der erste Tag war gekommen. Ich fuhr mit der U3 zu den Landungsbrücken und von dort lief ich zur Fischauktionshalle in Altona. Schräg gegenüber auf dem Marktplatz stand schon der leuchtend-bunte Bus. Es war 8:15 Uhr und das Wetter grau mit Nieselregen. Ich wurde freundlich von den festen Mitarbeitern empfangen.

Nach einer kurzen Vorstellung fingen wir an, den Bus auf den Einsatz vorzubereiten. Zu den Aufgaben gehörte der Aufbau des Wartebereiches mit Tisch und Bänken, das Aufstellen von Schließfächern und das Kochen von Kaffee für die Gäste. Parallel dazu hat der Technische Leiter den Bus für den Duschbetrieb vorbereitet, indem er sowohl die Strom- als auch die Wasserzufuhr herstellte, Durchlauferhitzer und Wasserpumpen anschaltete und die Luft aus allen Wasserleitungen ließ. Ich lernte, dass der Betrieb des Busses strengen Auflagen unterliegt. So muss zum Beispiel ständig auf die Sicherstellung von Trinkwasserqualität und die richtige Entsorgung des Abwassers geachtet werden.

Noch bevor der Bus einsatzbereit war, kündigte sich schon der erste Duschgast an. Um die Wartezeit zu überbrücken, boten wir Kaffee und Kekse an und plauderten ein wenig. Als es soweit war, konnte sich der Gast von Kooperationspartnern gespendete Hygieneartikel (Duschgel, Shampoo, Deo, Zahnbürste und -creme, Rasierer etc.) aussuchen und je nach Bedarf frische Kleidung nachfragen. Ein Handtuch bekam er selbstverständlich auch.

Nachdem der Gast geduscht hatte, wurde ich in die Reinigung der Duschkabine eingewiesen. Alle Kabinen werden nach jeder Dusche desinfiziert, mit heißem Wasser gereinigt und anschließend getrocknet. Darüber hinaus hängen im Bus Spender mit Desinfektionsmittel. Wie schon die peniblen Kontrollen der Wasserqualität gezeigt haben, erfuhr ich auch bei der Reinigung, dass Hygiene die oberste Priorität hat.

Der restliche Tag verlief ruhig und es kam leider nur noch ein weiterer Duschgast. Trotzdem konnte ich viele neue Eindrücke gewinnen, sodass der Kopf am Ende der vierstündigen Schicht ganz schön gequalmt hat.

 

Mittwoch, 22. April 2020

Heute hatte ich meinen 12. Einsatz bei GoBanyo und ich blicke auf viele Erlebnisse zurück: nachdenklich stimmende Einzelschicksale, typisches Hamburger Schietwetter mit Sturmböen und Überschwemmungen, ein sehr herzlicher Besuch einer Grundschulklasse, eine spontane Info-Stunde über Drogenabhängigkeit durch das Ärztemobil und die Einweisung in die Bus-Technik. Sogar ein Interview über meine Motivation für dieses Ehrenamt mit dem Jugendformat vom Spiegel, Bento.de, habe ich geführt (Hier geht’s zum Interview: Bento.de). Langeweile kam also nie wirklich auf.

Das bestätigte sich wiederholt, als sich Mitte März die Maßnahmen zur Eindämmung des Corona-Virus verschärften, wovon der Duschbetrieb direkt betroffen war und zunächst eingestellt werden musste. Mit einem Mal brach für viele Obdachlose in Hamburg ein Anlaufpunkt für sozialen Austausch und Körperhygiene weg. Unter Hochdruck wurde nach alternativen Lösungen gesucht – mit Erfolg. Seit dem 1. April ist ein Notbetrieb in Zusammenarbeit mit dem Hallenbad St. Pauli eingerichtet, wodurch zunächst etwa 50 Menschen pro Woche Zugang zu einer Dusche haben. Am 8. April habe ich meinen Einsatz unter den neuen Bedingungen und verschärften Sicherheits- und Hygienevorschriften fortgesetzt.

Mein Ehrenamt bei GoBanyo werde ich auch nach dem Abschluss der Sustainability Challenge fortführen.


Boo Simon Adam, Digistainable 2018

HINTERGRUND

Das Modul „Sustainability Challenge“ im vierten Semester unseres Studiengangs lässt uns, die Studierenden, selbst aktiv werden und soll uns motivieren, ein selbstgewähltes Thema zu behandeln. Wir definieren eigene Projektaufgaben, die durch die Mitwirkung in einer sozialen Initiative oder Nachhaltigkeitsorganisation bearbeitet werden sollen. Teil des Projekts ist die Reflexion des Erlebten, der gemeinsame Austausch sowie die Inspiration der interessierten Öffentlichkeit. Dabei lernen wir die Herausforderungen unserer Zeit selbst zu erkennen und anzunehmen. Der Ausbruch aus der eigenen Komfortzone ist ausdrücklich erwünscht.

WAS IST GOBANYO?

GoBanyo ist ein gemeinnütziges, mobiles Duschangebot für Menschen ohne Obdach bzw. Zugang zu fließendem Wasser in Hamburg. Es wurde und wird durch Crowdfunding und der Mithilfe von sozialen Initiativen realisiert. Seit Anfang Dezember 2019 ist der Bus in der Hansestadt unterwegs. Mehr Informationen auf: www.gobanyo.org