Täglich ernähren wir uns. Wir essen Brot, Gemüse, gehen ins Restaurant oder bereiten die Speisen selbst zu. Einige von uns ernähren sich fleischfrei, andere komplette vegetarisch, vegan oder zuckerfrei. Ernährung ist und bleibt ein sehr individuelles Thema. Doch da es uns alle betrifft, gibt es hier unzählige Stereotypen und Vorurteile.  

Und oft bleibt die Frage aus, wie sich diejenigen fühlen, die hinter dem hohen Selbsternährungsgrad in Deutschland stehen, wenn sie in Stereotypen abgebildet werden. Meine Sustainability Challenge sollte sich genau damit beschäftigen: Raus aus der Komfortzone, rein in die konventionelle Schweinemast. Raus aus der Stadt, rauf aufs Land. Weg vom Laptop und PowerPoint Präsentationen, hin zu Gummistiefeln und körperlicher Arbeit.  

Ich bin 25 Jahre alt, Studierende des DTS Jahrgang 2018 und ernähre mich bewusst. Bedeutet, dass ich sehr wenig und nur regionales Fleisch esse, regionales Gemüse unverpackt kaufe und Milchprodukte weitestgehend meide. Durch meine Familie und Kindheit außerhalb von Hamburg hatte ich jedoch auch immer Bezug zur konventionellen Landwirtschaft, was oftmals als Konflikt oder unvereinbar mit einem bewussten, nachhaltigen Lebensstil wahrgenommen wird. 

Deshalb habe ich meine Sustainability Challenge auf einem Hof in Schleswig-Holstein verbracht und hier sowohl den Ackerbau als auch die Schweinemast näher kennen gelernt. Mir ist es wichtig, zu hinterfragen und mir mein eigenes Bild machen zu können – und Vorurteile, von denen wir leider alle nicht frei sind, zu hinterfragen.  

Meine Sustainability Challenge gliederte sich in vier Bereiche, zu denen ich jeweils 1,5 Tage auf dem Hof verbrachte: 

  • Ackerbau (Fruchtfolgen, Bodenbeschaffenheit, Düngung und Schädlinge) 
  • Schweinemast (Stallungen, Futter, Gesundheit und Schlachtung) 
  • Gesamtsystem Landwirtschaft (Synergien, Nachhaltigkeit, Technologien) 
  • Der Einfluss der Regierung und der Subventionen 

In all diesen Bereichen wurde deutlich, dass Landwirte heutzutage vor Herausforderungen und Konflikten stehen, die wir „Städter“ nur erahnen können. Die Abhängigkeiten und komplexen Systeme, die sie verstehen und steuern lernen müssen, erfordern neue Fähigkeiten und haben wenig mit dem klassischen „Bauern“ zu tun. Landwirte tragen eine große Verantwortung für ihr Land, ihre Tiere und auch ihre Familie – und nicht zuletzt dafür, dass wir in Deutschland einen hohen Selbstversorgungsgrad haben. Dieser Grad sagt aus, dass wir trotz der hohen Bevölkerungsdichte und Anzahl, sowohl Fleisch als auch viele Grundnahrungsmittel, wie Kartoffeln, überproduzieren. Also mehr als die Bürger*innen Deutschlands verbrauchen. In meiner Zeit auf dem Hof durfte ich trotz konventioneller Land- und Tierwirtschaft lernen, dass Landwirte diejenigen sind, die unsere Natur und Landschaft besser verstehen und kennen als wir es uns so oft einverleiben wollen. Es ist ihr ureigenes Interesse in Familienbetrieben, die Böden vielfältig zu bestellen und nachhaltig mit Nährstoffen durch die unterschiedlichen Fruchtfolgen zu erhalten. Sie spüren den Druck auf dem Land nach hoher Produktivität und Effizienz und schaffen es, unsere Ernährung lokal, ohne Importe sicherzustellen.  

Im Ackerbau habe ich gelernt, wie: 

  • Fruchtfolgen ausgebracht werden und wie wichtig der richtige Zeitpunkt der Ackerbearbeitung und der Ernte ist. 
  • Mitarbeiter und Landwirte gemeinsam die Landmaschinen warten, erhalten und wie schwierig es ist, Investitionen in Technik abzubezahlen. 
  • Schädlinge durch Fruchtfolgen bekämpft werden können, ohne chemische Mittel oder Dünger einzusetzen. 

In der Schweinemast wurde ich überrascht und gefordert bei: 

  • Der Fütterung und der Futteranmischung für die Schweine. 
  • Dem Verstehen der Zucht, Auswahl, Aufzucht, Mast und Schlachtung. 
  • Von Auswirkungen von Corona und Schlachtbetriebsschließungen auf die Schweinemast, sowie die bevorstehenden Auswirkungen der afrikanischen Schweinepest auf die Mastbetriebe und Landwirtschaft. 
  • Von neuen Mastmodellen, wie die Lohnmastund deren Vor- und Nachteilen. 

Betrachtet man dann das „System des Betriebs“, waren folgende Bereiche besonders interessant: 

  • Wie kann der Ackerbau mit der Schweinemast zusammen möglichst nachhaltig sein? 
  • Wie funktionieren die alten und neuen Stallsysteme und was ist die Zukunft? 
  • Was sind Hürden für bessere Haltungsbedingungen? 
  • Wie wichtig sind die Mitarbeiter und die Kompetenzen der Landwirte? Welche Herausforderungen sehen sie für die Zukunft? 
  • Wie geht die Landwirtschaft mit dem steigenden Druck auf den Flächen um? 

Für die Regierung werfen die oben genannten Bereiche große Fragen auf und auch die Öffentlichkeit nimmt immer mehr Teil an der Art und Weise, wie und was wir konsumieren. Jedoch wurde mir während meines Einsatzes im Büro des Betriebs deutlich, dass folgende Fragen noch ungeklärt sind: 

  • Sind Subventionen das richtige Mittel, um nachhaltige Landwirtschaft zu fördern? 
  • Haben wir ein bundesweites Konzept und Verständnis von nachhaltiger Landwirtschaft? 
  • Unterstützen wir Landwirte als Gesellschaft, Regierung und Konsumenten ausreichend, um den komplexen Herausforderungen stand halten zu können, die von Weltmarkpreisen bis hin zu den gebrochenen Achsen auf dem Acker reichen? 

Was ich aus meiner Sustainability Challenge mitnehme, sind neue Fragen, viel Interesse und ein neues Verständnis für LandwirteDenn am Anfang steht eine große Antwort: Es ist eben doch nicht alles so, wie man denkt. Und gerade für die Landwirtschaft ist es wichtig, dass wir als Konsumenten mehr verstehen und uns einbringen wollen. Natürlich waren viele Eindrücke, die ich sammeln konnte, sehr weit außerhalb meiner Komfortzone. Doch was mich begeistert hat, ist die Leidenschaft, die Passion und das Verständnis der beiden Landwirtgenerationen, die den Hof betreiben. Sie brennen für das, was sie tun, und verzweifeln unter dem Druck der Öffentlichkeit, der Kosten und den komplexen Abhängigkeiten. Ich möchte meine Zeit dort fortsetzen. Besser verstehen, besser unterstützen und erklären können. Und ich möchte alle, die Vorurteile und Abneigungen und schnelle Urteile über konventionelle Landwirte fällen, bitten, sich mit den Hintergründen zu beschäftigen und kritisch zu hinterfragen, was sie in der Presse lesen. Denn die Menschen, die uns ernähren, sind die Lösung unserer nachhaltigen, landwirtschaftlichen Nutzung unserer Flächen – und nicht das Problem. 

 


Lisa Frommhold, Digistainable 2018

HINTERGRUND

Das Modul „Sustainability Challenge“ im vierten Semester unseres Studiengangs lässt uns, die Studierenden, selbst aktiv werden und soll uns motivieren, ein selbstgewähltes Thema zu behandeln. Wir definieren eigene Projektaufgaben, die durch die Mitwirkung in einer sozialen Initiative oder Nachhaltigkeitsorganisation bearbeitet werden sollen. Teil des Projekts ist die Reflexion des Erlebten, der gemeinsame Austausch sowie die Inspiration der interessierten Öffentlichkeit. Dabei lernen wir die Herausforderungen unserer Zeit selbst zu erkennen und anzunehmen. Der Ausbruch aus der eigenen Komfortzone ist ausdrücklich erwünscht.