Einfach mal machen! Als das Modul „Sustainability Challenge“ im Wintersemester 2019/2020 angekündigt wurde, ging die Vorstellung mit Zielformulierungen wie „Komfortzone verlassen“ einher. „Spannend“, dachte ich damals und so kam es auch.

Meine persönliche Erfahrung wollte ich in einem Bereich sammeln, der mir bis zu diesem Zeitpunkt hauptsächlich verborgen und ehrlicherweise etwas fremd geblieben ist: in der Unterstützung von und dem Umgang mit pflegebedürftigen Menschen mit Behinderungen. Als ich also im Rahmen des Moduls die Möglichkeit hatte, eine Initiative mit meiner freien Zeit zu unterstützen, stand meine Wahl im Groben bereits fest: ich wollte zum größten Träger im Raum Hamburg, der sich für die Inklusion von Menschen mit Behinderungen einsetzt, Wohn- und Arbeitsgruppen organisiert – zu „Leben mit Behinderung Hamburg“. Die MitarbeiterInnen, die ich kennenlernte, waren alle sehr freundlich und organisiert – zunächst am Telefon, später persönlich und so fiel mir die Entscheidung leicht.

Als ich an einem Februarabend an der Einrichtung ankam und in den Fahrstuhl stieg, kamen einige Gedanken wieder hoch, die ich mir bereits zuvor gemacht hatte: wie soll und vor allem kann ich mich verhalten? Wie könnte die Zeit aussehen, die ich mit der Wohngruppe verbringen würde? Werden die Erfahrungen angenehm oder eventuell eher unangenehm? Ich war aufgeregt und neugierig, etwas demütig und motiviert.
Das erste „Kennenlerngespräch“ – zunächst mit einer der Pflegekräfte und später den BewohnerInnen – fand direkt in der Senioren-WG statt, die ich in der nächsten Zeit häufiger besuchen sollte. Ich wurde interessiert und herzlich empfangen und durfte bereits zum Einstieg teilhaben an einem Gruppenabend. Meine folgenden Besuche gestalteten sich, einfach gesagt, in gemeinsam verbrachter Zeit. Es wurde geredet, vorgelesen, alte Postkarten wurden rausgekramt und manchmal wurde auch einfach nur geschwiegen. Ein Gruppenmitglied war allerdings besonders offenherzig und redselig und so sprachen wir über allgemeine, aber häufig auch persönliche Themen, wie z.B. unsere Lieblingsessen: meine Gesprächspartnerin verteidigte Pizza als ihren Favoriten, während ich eher von Grünkohl schwärmte. Ich gewöhnte mich an die Gruppe und ich wage zu behaupten, andersherum war es ähnlich.

Nach einigen gemeinsamen Abenden wurden allerdings die Kontaktbeschränkungen infolge der Corona-Pandemie verhängt. Anfangs war es mir verboten, die Wohngruppe zu betreten und als die Regelungen später gelockert wurden, entschied ich mich aktiv dagegen: die Wohngruppen, vorwiegend bestehend aus Senioren, wollte ich durch persönliche Besuche keinesfalls einem gesundheitlichen Risiko aussetzen. Stattdessen konnte ich an einer anderen Stelle akute Unterstützung bieten.
Die andauernde Pandemie sorgte für gesteigerte Hygienemaßnahmen in allen Einrichtungen des Vereins. Von der Zentrale aus mussten Lieferungen an alle weiteren Einrichtungen im Großraum Hamburg geliefert werden – ein komplett neuer Risikobereich musste gemanagt werden. Da meine Besuche der Wohngruppe in der Zentrale stattfanden und ich in Verbindung mit den zuständigen Personen für die Verteilung der „Hygienepakete“ stand, konnte ich schnelle Unterstützung anbieten und leisten, besuchte verschiedene Wohngruppen, lernte sehr aufmerksame und engagierte PflegerInnen und BewohnerInnen kennen und leistete Hilfe dort, wo sie benötigt wurde.

Ich war beeindruckt, in welch einer Geschwindigkeit das Gesundheits-Management umgestellt wurde und bin sehr froh darüber, meinen Beitrag geleistet haben zu können. Auch bin ich sehr dankbar dafür, meine Zeit Menschen geschenkt zu haben, mit denen ich in meinem Alltag wenig bis gar nicht in Berührung komme. Ganz besonders intensiv waren auch die Einblicke in die Berufsbilder von Pflegekräften. Von Besuch zu Besuch nahm mein Respekt vor den professionellen Herausforderungen zu, die häufig zum Tagesgeschäft gehören.

 

Eine kurze Reflexion

„Unsere Vision ist eine Gesellschaft, in der Menschen mit Behinderung selbstverständlich sind und nicht mehr als besondere Herausforderung gesehen werden“– so lautet die Vision des Vereins „Leben mit Behinderung e.V.“, in dem ich mein Ehrenamt ausüben durfte und darf (Leben mit Behinderung e.V. 2020). Beim Lesen überkam mich ein gewisses Schamgefühl. Genau aus diesem Grund – dass der Umgang mit Menschen mit Behinderung für mich eben doch eine Herausforderung war – wollte ich mich hier engagieren. Gleichzeitig wirkte dieser Widerspruch bekräftigend: wie soll ein Inklusionsprozess erfolgreich sein, während Komfortzonen nicht verlassen werden? Wie soll ein Umschwung in der Wahrnehmung gelingen, wenn er nicht in die Hand jedes/r einzelnen genommen wird?

Ich persönlich habe erkannt, dass ich gleichzeitig Lösung und Teil eines strukturellen Problems bin. Die Inklusionspolitik bewegt sich und ich bin immer wieder erfreut, wenn ich erfahre, welche progressiven Konstellationen und Konzepte heutzutage z.B. in Grundschulen stattfinden, vertrete aber die Meinung: inklusiv bedeutet nicht inkludiert und der Weg ist noch lange nicht gegangen. Ich denke, Inklusion ist ein Prozess, der sichtbar gestaltet werden muss und bei jedem einzelnen beginnt. Dass ich im Alter von 24 Jahren den ersten intensiveren Kontakt zu Menschen mit Behinderungen hatte, lässt aber darauf schließen, dass die gesellschaftliche Inklusion noch nicht derart fortgeschritten ist wie sie es hoffentlich zukünftig sein wird. Im Zuge dieser Herausforderung und Hoffnung bin ich sehr stolz darauf, in einem Master-Programm studieren zu können, das gesellschaftliche Probleme dieser Art erkennt und genau diesen Weg mit Modulen wie der „Sustainability Challenge“ bestreiten möchte.

 


Till Henning, Digistainable 2018

 


Quellen:

Leben mit Behinderung Hamburg 2020. https://www.lmbhh.de/ueber-uns/unsere-arbeit/
zuletzt abgerufen am 04. Dezember 2020

Bildquelle: https://unsplash.com/photos/UudGNHJdNSo

HINTERGRUND

Das Modul „Sustainability Challenge“ im vierten Semester unseres Studiengangs lässt uns, die Studierenden, selbst aktiv werden und soll uns motivieren, ein selbstgewähltes Thema zu behandeln. Wir definieren eigene Projektaufgaben, die durch die Mitwirkung in einer sozialen Initiative oder Nachhaltigkeitsorganisation bearbeitet werden sollen. Teil des Projekts ist die Reflexion des Erlebten, der gemeinsame Austausch sowie die Inspiration der interessierten Öffentlichkeit. Dabei lernen wir die Herausforderungen unserer Zeit selbst zu erkennen und anzunehmen. Der Ausbruch aus der eigenen Komfortzone ist ausdrücklich erwünscht.

WAS IST LEBEN MIT BEHINDERUNG HAMBURG?

Leben mit Behinderung Hamburg ist ein Zusammenschluss aus 1.500 Familien mit einem/r behinderten Angehörigen. Die Tochtergesellschaft des Vereins, Leben mit Behinderung Hamburg Sozialeinrichtungen gGmbH unterstützt mit Wohnraum, Arbeit, Assistenz und Beratung behinderten Menschen und ihre Familien. Das erklärte Ziel der Vereine ist es, Menschen mit Behinderung einen gleichberechtigten und ihre Würde achtenden Platz in den Familien und in der Gesellschaft zu ermöglichen.