Unser erster Buchtipp aus dem DTS 2018. Innerhalb unseres Studiums lesen wir sehr viele wissenschaftliche Arbeiten und Texte, doch auch hier hilft der Blick über den Tellerrand, um sich mit Zukunftsszenarien auseinander zu setzen. Deshalb möchten wir Euch heute das Buch „The Circle“ von Dave Eggers vorstellen und empfehlen.

„The Circle“ – ein Buch, dass Dave Eggers bereits 2013 veröffentlicht hat und durch die Verfilmung mit Emma Watson und Tom Hanks in den Hauptrollen noch einmal erneut Aufmerksamkeit erhalten hat. Zusammengefasst geht es darum wie die Internetfirma „The Circle“ nicht nur seine Mitarbeiter durch die Grenzenlosigkeit des Netzes und sozialer Medien beeinflusst, sondern auch seine Kunden und letzten Endes auch die Weltpolitik. Mae, eine eher hoffnungslose junge Frau bekommt durch die Hilfe ihrer Studienfreundin Annie die Chance für „The Circle“ zu arbeiten. Das hippe, trendige Unternehmen, das alles und noch mehr für seine Mitarbeiter und Kunden tut. Oberste Maxime soll sein, allen Menschen die gleichen Möglichkeiten und Erlebnisse zu ermöglichen. Die drei Charaktere, die das Unternehmen leiten sind dabei entscheidend. Der Gründer und Herz des Unternehmens, möchte das Internet für etwas positives nutzen, den Menschen „echten“ Mehrwert bringen. Doch im Verlauf des Buches, bekommt diese Grundidee einen ziemlich bitteren Beigeschmack. Denn was ist „echter“ Mehrwert durch eine Internetfirma? Und können Menschen mit weniger Möglichkeiten an den Erlebnissen anderer durch Social Media wirklich „teilhaben“?

Für mich haben sich einige Gedanken ergeben, die ich gerne mit Euch teilen möchte und die sich schlecht in einem vollständigen, runden Satz oder Text bringen lassen, deshalb geht es jetzt etwas stichpunktartig weiter:

„The Circle“ ist eine mächtige Firma, die durch den Wunsch nach Perfektion und Vollendung strebt. Perfektion und Vollendung sind nicht schlecht, aber das, was das Ganze problematisch macht, ist, dass „The Circle“ jedem Menschen das Recht einräumt, zu wissen. Das Recht eines jeden sollte es sein, alles über jeden zu wissen. Jemandem etwas nicht zu erzählen, es nicht zu teilen, ist Diebstahl. Nur wer wissen kann, kann vollkommen sein. Nur wenn alle alles wissen können, ist die Welt gerecht, gut und gesund. Die Grundidee ist, dass man durch das Teilen positive Erfahrungen und Erlebnisse mit anderen Menschen hat, und durch Überwachung keine schlechten Dinge tut, weil andere dann wissen würden, was man getan hat. Privat bleiben oder sein, ist Diebstahl. Wählen ist Pflicht. Überwachung ist notwendig. Wissen ist nicht nur Macht, sondern Menschenrecht.

Es gibt sicherlich viele Punkte, an denen man ansetzen kann, um dieses Buch zu empfehlen. Für mich war am spannendsten, dass auf dem Weg zum vollkommenen „Alles-Wissen-können“ drei Aspekt im Vordergrund standen:

  1. Man will nicht alles wissen, wie Mae’s Eltern oder Ex-Freund.
  2. Alles wissen zu können oder zu haben, kann unglaublich ermüdend und langweilig sein, so wie die Textpassagen, in denen Mae ihre sozialen Netzaktivitäten beschreibt (Auf den Kommentar antworten, in der Gruppe posten, etc.). Das ist langweilig. Das Buch beschreibt das hervorragend. Das echte Leben leben ist spannend und lebendig. Kommentare schreiben und lesen eher weniger.
  3. Man kann nicht alles wissen.

Der Aspekt des Wissens steht für mich – offensichtlich – im Mittelpunkt des Buches. Die Überwachung macht natürlich Angst und beklemmt, aber um diesen Eintrag nicht ausufern zu lassen, bleibe ich zunächst beim Wissen. Lest das Buch und wenn Ihr das anders seht, lasst uns dazu gerne diskutieren!

Von den genannten Punkten ist für mich der dritte der relevanteste. Man kann nicht alles wissen. Egal, wie viel sozialen Druck „The Circle“ erst auf seine Mitarbeiter und dann seine Kunden und die Politiker ausübt, mit der Begründung, nur wer alles weiß, kann gut sein, nur wer alles teilt, ist gut – man kann nicht alles wissen. Unser Gehirn ist sicherlich im Stande, mehr Wissen anzuhäufen, als wir ihm zumuten, aber man kann nicht wirklich wissen und Sicherheit in all unsere Fakten setzten. Und nicht alle können alles wissen. Denn generelles Wissen ist schon aufgrund unserer unterschiedlichen Wahrnehmung nicht möglich (Hier empfiehlt sich das Buch von Daniel Kahnemann „Thinking fast, thinking slow“). Wir nehmen alle unterschiedlich wahr und bilden uns daraus unsere subjektive Wahrheit und wir können nie wissen, was der andere als Wahrheit oder Wissen definiert beziehungsweise weshalb. Es gibt kein absolutes Wissen und keine absolute Wahrheit. Das Ganze passt nämlich hervorragend zu Kants elementarer Frage: „Was kann ich wissen?“ Und das ist der Grund, weshalb ich jedem dieses Buch empfehlen kann. Das Buch setzt sich aus meiner Sicht mit den elementarsten philosophischen Fragen auseinander. Oder anders gesagt, es gibt mir als Leser den Raum, die Fragen zu stellen und ich bin meinen Antworten auf diese Fragen ein bisschen näher gekommen:

Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? (Kant)

Nachdem ich dieses Buch gelesen habe, würde ich diese Fragen folgend beantworten (das heißt nicht, dass ich es immer so tun würde oder dass das meine festen Antworten sind, sondern möchte lediglich zum Nachdenken anregen)

Was kann ich wissen? Man kann nicht absolut wissen. Es gibt keine absolute Wahrheit und es hat nichts mit Vollkommenheit zu tun, nach vollkommendem Wissen zu streben. Denn Vollkommenheit ist erstens subjektiv und für jeden etwas anderes und zweitens ist vollkommenes, absolutes Wissen unmöglich und ein Paradoxon, dass sich nicht durch extensives Teilen von Erlebnissen und extreme Überwachung lösen lässt. Was möglich ist, ist eine eigene Wahrheit, ein eigenes Wissen zu haben. Dieses Wissen 1:1 mit jemandem zu teilen hingegen ist unmöglich und sollte nicht als Diebstahl betrachtet werden.

Was soll ich tun? „The Circle“ zwingt seine Mitarbeiter, Kunden und Politiker nicht, transparent zu sein. Zumindest nicht offensichtlich. Doch die Freiwilligkeit ist trügerisch und die Effekte sozialer Erwünschtheit sind extrem. Sozialer Druck wird stärker ausgespielt als klare Anweisungen und Pflichten. Was soll ich tun? Transparent sein, wenn man dem Circle glaubt. Ich glaube, dass man immer im Rahmen seiner eigenen Wahrheit handeln sollte. Was man selbst weiß, kann man nutzen, um sein Handeln zu bestimmen. Dabei ist das Streben nach Wissen die richtige Handlung. Aber nicht, wie der Circle beschreibt, nach vollkommendem Wissen. Sondern nach reflektiertem Wissen, eigenem Wissen und humanem Wissen.

Was darf ich hoffen? Ich hoffe, dass es nie so weit kommt, wie in dem Buch beschrieben. Darf ich das hoffen? Ich weiß es nicht. Ich kann es nur hoffen. Aber in meiner Wahrheit und nach meinem Wissen, sind die meisten Menschen nicht machtgierig und nicht völlig abgefahren. Klar, wir wollen eigentlich alle gut sein. Das ist das, was die Basis für die Ideologie des Circles ist – der Mensch möchte gut sein. Und ich glaube, dass wir das als Basis nutzen können, um nicht so zu enden, wie „The Circle“ beschreibt.

Gerade mit Blick auf Corona-Anordnungen und unser Vertrauen oder auch Nicht-Vertrauen in Fakten machen die Fragestellungen, die dieses Buch aufwirft auch heute sehr relevant. Unternehmen, Individuen und Staaten müssen in diesen Tagen Entscheidungen für eine Neuausrichtung der wirtschaftlichen Aktivitäten treffen und hier wird bereits deutlich, dass wir aufgrund von VUCA-Einflüssen nicht alles wissen können.

Und genau das ist, was im DTS vermittelt wird: Wie gehe ich mit Unsicherheit und Ambivalenz der Daten um und treffe nachhaltige Entscheidung auf Basis von der Einordnung des vorhandenen Wissens. Dementsprechend ist sowohl das Buch, als auch der Besuch auf den anderen Seiten unsers Studiengangs es definitiv Wert.

 

Lisa Frommhold, Digistainable 2018