Was hat Selbstfürsorge mit Nachhaltigkeit zu tun?

Der neue Bericht des Weltklimarates IPCC1 macht transparent, dass die Erreichung des 1,5-Grad-Ziels heute noch außer Reichweite ist. Dabei sind die Folgen der Klimakrise bereits zum jetzigen Zeitpunkt verheerend: unberechenbare Naturgewalten, extreme Wetterlagen und schwindende Arten gehören auch in Deutschland inzwischen zu unserem Alltag. Hinzu kommt, dass selbst bei 1,5 Grad Erderwärmung die Klimafolgen wesentlich dramatischer ausfallen werden als noch vor wenigen Jahren angenommen (Fischer und Erdmann 2022) 

Am 24. Februar 2022 begann der Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine. Mit zunehmender Härte und Zerstörung dauert die Invasion an. Laut dem UNHCR2 sind bislang über vier Millionen Ukrainerinnen und Ukrainer in europäische Nachbarstaaten geflüchtet (Bundeszentrale für politische Bildung 2022). Auch in Deutschland werden wir täglich mit Bildern aus den Kriegsgebieten und von den Menschen auf der Flucht konfrontiert. 

Diese Liste an Schreckensnachrichten lässt sich fortschreiben. Denn die Maßnahmen für eine nachhaltige Entwicklung schreiten längst nicht mit der erforderlichen Geschwindigkeit bzw. Wirksamkeit voran. Insbesondere soziale Ungleichheiten und der Klimawandel bedrohen die Zielerreichung der Agenda 20303 und machen bereits erreichte Ziele wieder zunichte (United Nations 2021). 

Die nachhaltige Transformation in allen Dimensionen der Nachhaltigkeit – Ökonomie, Ökologie und Soziales – ist wohl die größte Herausforderung vor der die Menschheit heute steht (Fischer und Erdmann 2022). Die Aufgabe Nachhaltigkeitsprobleme zu analysieren und zu lösen, künftige Nachhaltigkeitsherausforderungen zu antizipieren und sich darauf vorzubereiten sowie Chancen für die Nachhaltigkeit zu schaffen und zu nutzen kommt im besonderen Maße auf die jüngeren Generationen zu (Redman und Wiek 2021). Eine schier unvorstellbar große Aufgabe, die schon im Angesicht der oben exemplarisch herausgegriffenen Bedrohungen zu einer großen Belastung für jeden einzelnen Menschen werden kann.  

An dieser Stelle kommt Selbstfürsorge ins Spiel: Die Intrapersonelle Kompetenz wurde im Jahr 2021 als eine von acht Kernkompetenzen identifiziert, welche für eine nachhaltige Entwicklung von besonderer Relevanz sind. Diese Kompetenz umfasst die Fähigkeit zur resilienzorientierten Selbstfürsorge. Ziel ist es, trotz der anspruchsvollen Aufgaben, gesund zu bleiben. Dies erfolgt durch individuelle Maßnahmen und Rücksichtnahme, um z. B. einen Burnout zu vermeiden (Redman und Wiek 2021). 

Mich persönlich hat es erleichtert, dass folglich erkannt wurde, dass die Belastungen durch die Folgen der Klimakrise und sozialer Ungerechtigkeiten für jeden Einzelnen sehr groß sind und die Aufgabe, Lösungen für eine nachhaltige Transformation zu entwickeln ebenfalls eine große Herausforderung darstellt. Diese Erkenntnis und das Zugeständnis, dass es folglich in Ordnung und notwendig ist, bei sich selbst anzufangen, sollte jede*r ernst nehmen. Wenn jede*r einzelne genügend Kraft hat und sich nicht verausgabt, dann können die Aufgaben, die vor uns liegen, gemeinsam angegangen werden. 

Und wenn du beim Lesen denkst: „Oh Gott, jetzt muss ich mich auch noch um mich selbst kümmern“, findest du hier einige praktische Ideen aus meinem Erfahrungsschatz, die sich in einen vollen Alltag integrieren lassen:   

  • Integriere Bewegung in deinen Alltag: Schon ein kurzer Spaziergang an der frischen Luft schafft einen klaren Kopf und bringt deinen Körper in Schwung. 
  • Nimm dir bewusst Zeit für Dinge, die dir Freude bereiten. Empfinde dabei kein schlechtes Gewissen. 
  • Radikale Akzeptanz: Höre auf, dich gegen Dinge zu wehren, die du nicht ändern kannst. 
  • Übe Atemtechniken ein und führe sie durch, wenn du gestresst bist. 
  • Sprich offen mit deiner Familie und deinen Freunden über die Themen, die dir Sorgen bereiten und hab ein offenes Ohr für andere. Und bitte um Hilfe, wenn es dir schlecht geht. 
  • Dankbarkeitstagebuch schreiben: Schreibe jeden Abend drei Dinge auf, für die du dankbar bist. Das hilft dir den Tag mit positiven Gedanken zu beenden. 
  • Integriere feste Rituale in deinen Alltag. Auf meiner persönlichen Agenda stehen: ein gemütlicher Kaffee am Morgen, ein (kurzer) Spaziergang, mein Tagebuch und eine tägliche Yoga-Session, die auch mal nur 5 Minuten lang sein kann. Wenn du Dinge, die dir gut tun, regelmäßig in deinen Alltag integrierst, fällt es dir mit der Zeit immer leichter, diese auch einzuhalten. 
  • Tausche dich mit deinem Umfeld aus, vielleicht tut dir auch gut, was anderen gut tut und umgekehrt. 

Zum Schluss noch die wichtigste Botschaft: Hör auf dich und deine Bedürfnisse. Wenn deine Selbstfürsorgeaktivitäten zusätzlichen Stress bei dir auslösen, dann lass es sein. Sei ehrlich bei dem, was du dir für dich aussuchst. Lieber machst du kurz, was dir wirklich gut tut, statt dich durch endlose Yogastunden zu quälen, weil es doch so großartig sein soll. Wenn es nicht das Richtige für dich ist, probiere etwas anderes aus und finde eine für dich passende Aktivität. Bei der Selbstfürsorge stehst du selbst im Mittelpunkt. Wenn du dich gut um dich selbst kümmerst, kannst du dich auch viel besser für eine nachhaltige Entwicklung einsetzen. 


Literaturverzeichnis

Bundeszentrale für politische Bildung (2022): Krieg in der Ukraine. In: Bundeszentrale für politische Bildung, 08.04.2022. Online verfügbar unter https://www.bpb.de/themen/europa/krieg-in-der-ukraine/, zuletzt geprüft am 08.04.2022. 

Fischer, Linda; Erdmann, Elena (2022): IPCC-Bericht: Ein Aufruf zur Revolution. In: Die Zeit, 04.04.2022. Online verfügbar unter https://www.zeit.de/wissen/umwelt/2022-04/ipcc-bericht-klimaschutz-1-5-grad, zuletzt geprüft am 08.04.2022. 

Redman, Aaron; Wiek, Arnim (2021): Competencies for Advancing Transformations Towards Sustainability. In: Front. Educ. 6. DOI: 10.3389/feduc.2021.785163. 

United Nations (Hg.) (2015): Transforming our world: the 2030 agenda for sustainable development. Online verfügbar unter https://www.un.org/en/development/desa/population/migration/generalassembly/docs/globalcompact/A_RES_70_1_E.pdf. 

Was hat Selbstfürsorge mit Nachhaltigkeit zu tun?